Am 14. September wird in Thüringen ein neuer Landtag gewählt. Zunehmend bestimmt diese Wahl die politischen Debatten in Thüringen. Aber was wollen die zur Wahl stehenden Parteien CDU, SPD, FDP, die GRÜNEN und die LINKEN in Thüringen laut ihrer Wahlprogramme im Bereich der Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit eigentlich ändern? Einen Überblick zu den einzelnen Themengebieten und die Programmpunkte der jeweiligen Partei finden Sie hier:

 

SPD

 

Wir werden das Landesblindengeld auf den Bundesdurch­schnitt erhöhen (derzeit 410 Euro im Monat). Besonderen Hilfe- und Unterstützungsbedarf haben Taubblinde. Die­se sollen den doppelten Betrag des Landesblindengeldes erhalten.

 

Wir wollen Barrieren für Behinderte dort wo es möglich ist, abbauen und den umfassenden Thüringer Maßnah­menplan zur UN-Behindertenrechtskonvention Schritt für Schritt umsetzen. Wir wollen, dass Behinderte ihre Rech­te wahrnehmen und zur Not auch einklagen können. Ein wichtiger Schritt zur Umsetzung der UN-Behinderten­rechtskonvention ist die Überarbeitung und schrittweise Anpassung des Thüringer Behindertengleichstellungsge­setzes. Wir achten auf eine angemessene Finanzierung für die Umsetzung der einzelnen Maßnahmen.

 

Wir sind uns bewusst, dass es sich bei der Umsetzung der UN-Kon­vention um einen komplexen und langfristigen Prozess handelt. Den vorliegenden Maßnahmeplan werden wir in regelmäßigen Abständen durch alle Beteiligten überprü­fen und soweit erforderlich fortschreiben. Das bedeutet auch weitere notwendige Maßnahmen einzufügen.

 

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Einführung der Integrierten Teilhabeplanung (ITP). Wir wollen Menschen mit Behinderungen dadurch ein möglichst hohes Maß an Teilhabe und Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen und Lebensphasen ermöglichen. Die Eingliederungshilfe soll von einer überwiegend einrichtungszentrierten und pauschalen Förderung zu einer personenzentrierten und individuellen Hilfe umgestaltet werden. Wir wollen eine passgenaue Hilfe für jeden Einzelnen. Nach der erfolgrei­chen Erprobung in den Modellregionen wollen wir die In­tegrierte Teilhabeplanung im Freistaat Thüringen flächen­deckend einführen.

 

http://spdnet.sozi.info/thueringen/dl/regierungsprogramm-2014.pdf

 

Die Linke

 

Demokratische Teilhabe für Menschen mit Behinderungen ermöglichen

 

DIE LINKE. Thüringen strebt eine inklusive Gesellschaft an, in der die Fähigkeiten von Menschen gewürdigt und die Einschränkungen ausgeglichen werden. In vielen Lebensbereichen sind Menschen mit Behinderungen immer noch ausgeschlossen, weil Vorurteile und gesellschaftlich schlechte Rahmenbedingungen die Diskriminierung zementieren. Demgegenüber wollen wir in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Barrierefreiheit und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen Schritt für Schritt durchsetzten. Dementsprechend wollen wir das Landesgleichstellungsgesetz und den Thüringer Maßnahmenplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention überarbeiten. Dabei geht es um die Barrierefreiheit von öffentlichen Gebäuden, Wahllokalen und Wohnungen, barrierefreie Verkehrsverbünde, barrierefreien Tourismus, die Bereitstellung von Gebärdendolmetscherinnen und Gebärdendolmetschern im politischen Raum und die Erhöhung der Beschäftigungsquote für Menschen mit Behinderungen.

 

 

http://www.die-linke-thueringen.de/landtagswahl/programm/praeambel/

 

FDP

 

Inklusion - Das Kindeswohl entscheidet

Die Schaffung eines inklusiven Schulsystems ist ein Gebot der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Die UN-Konvention verlangt aber keinesfalls, Inklusion mit der Brechstange zu betreiben oder gar das Förderschulsystem aufzugeben. Vielmehr ist insbesondere Art. 7 der UN-Behindertenrechtskonvention, der das individuelle Kindeswohl in den Mittelpunkt stellt, streng zu beachten.

 

Die FDP Thüringen will:

 

ein echtes und freies Wahlrecht der Eltern zwischen Förderschule und inklusiver oder integrativer Beschulung.

 die Unterstützung der Eltern bei der Schulwahl durch eine unabhängige und umfassende Beratung, insbesondere durch Sonderpädagogen und Mediziner.,

 

den Erhalt des Förderschulsystems mit einer angemessenen finanziellen Ausstattung.

 

konventionelle Schulen schrittweise barrierefrei gestalten und mit sonderpädagogisch aus- und weitergebildetem Lehr- und Hilfspersonal ausstatten, so dass eine inklusive Beschulung unter Berücksichtigung der Anforderungen sonderpädagogischer Förderbedarfe möglich ist.

 

 

http://www.thueringen-entscheidet.de/sites/default/files/uploads/2014/08/04/wahlprogrammfdpthueringen_0.pdf

 

Die Grünen:

  

Barrieren abbauen

Das Verkehrssystem in Thüringen birgt noch immer viele Tücken. Wir wollen, dass die verschiedenen Verkehrswege und Fortbewegungsmittel möglichst ohne zusätzliche Erschwernisse von allen Menschen in Anspruch genommen werden können. Wir setzen uns daher ein für eine möglichst weitgehende Barrierefreiheit. Wir denken dabei nicht nur an Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator, sondern auch an Menschen mit Kinderwagen, Kinderfahrradanhängern und vollbepackten Fahrrädern. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass Haltestellen für ältere und sehbehinderte Menschen kein zusätzliches Hindernis darstellen. Wir wollen erreichen, dass Informationen gut lesbar und auch akustisch abrufbar sind.

 

Thüringen inklusiver

 

Die Würde des Menschen ist unteilbar, in ihr werden unsere Individualität und Vielfalt als Geschenk gewürdigt. Dennoch finden sich in allen Bereichen unseres täglichen Lebens und in unseren Köpfen Barrieren und Vorurteile gegenüber Menschen, insbesondere gegenüber Menschen mit Behinderungen. Es sollte unser aller Ziel sein, diese Vorurteile und Barrieren, diese Diskriminierung abzubauen und zu beseitigen. Dass dies keine leichte Aufgabe ist, wissen wir. Gleichwohl wollen wir gemeinsam mit den Betroffenen die UN-Behindertenkonvention zügig umsetzen. In Thüringen fehlt nach wie vor ein Behindertengleichstellungsgesetz. Sondereinrichtungen für Menschen mit Behinderungen sollen in Thüringen bald der Vergangenheit angehören, damit alle Menschen gleichberechtigt und selbstbestimmt miteinander leben können. Wir GRÜNE stehen für eine Politik, die allen Menschen, unabhängig von ihren Einschränkungen, Teilhabe und Mobilität ermöglicht. Dafür sind Verkehrswege und Bahnhöfe, öffentliche Einrichtungen, Sport- und Kulturstätten konsequent barrierefrei zugänglich zu machen.

 

http://gruene-thueringen.de/sites/gruene-thueringen.de/files/l01_wahlprogramm_von_buendnis90die_gruenen_zur_ltw_2014.pdf

 

 CDU

 

Barrierefreies Thüringen

Die Schaffung von Barrierefreiheit ist uns ein wichtiges Anliegen. Behörden und Institutionen müssen Vorbild sein. Wir wollen, dass öffentliche Gebäude ungehindert zugänglich sind. Bei Neubauten und sanierten Gebäuden sind die Bedingungen schon fast überall vorbildlich. Nachholbedarf besteht aber beim ungehinderten Zugang zu Dokumenten und Internetangeboten. Wir wollen, dass die Internetseiten des Landes barrierefrei gestaltet sind und mehr Angebote in einfacher Sprache unterbreitet werden.

 

Teilhabe von Menschen mit Behinderung erleichtern

Die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung und deren Familien liegen uns sehr am Herzen. Das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Handicap muss zur Selbstverständlichkeit werden. Wir wollen behinderten Menschen eine selbstbestimmte und diskriminierungsfreie Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Dazu gehören sowohl die Hilfen auf dem Weg in den ersten Arbeitsmarkt als auch die Unterstützung der Tätigkeiten in den Behindertenwerkstätten. Die UN-Behindertenrechtskonvention ist für uns Richtschnur, noch bestehende Benachteiligungen abzubauen. Daher streben wir ein Behindertengleichstellungsgesetz an, damit die Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention im Freistaat eine gesicherte rechtliche Grundlage erhalten. In diesem Gesetz soll die Unabhängigkeit der Behindertenbeauftragten des Freistaats verankert werden. Der Beauftragte soll mehr Kompetenzen erhalten, um eigenständige Entscheidungen treffen zu können.

https://www.epenportal.de/web/datapool/storage/files100915/LTW_2014/Th%C3%BCringenplan.pdf

Sonderschulen sollen die Defizite lernbehinderter Kinder ausgleichen. Zwei bislang unveröffentlichte Studien zeigen, dass sie das Gegenteil bewirken.

 

Den Streit um die Inklusion zeichnet vieles aus: Leidenschaft und Lautstärke, schöne Geschichten vom Gelingen des gemeinsamen Lernens und böse Beispiele seines Scheiterns. Und ganz viel Überzeugung. Denn viele Positionen im Streit um das Thema basieren auf einer eher lockeren "Bei uns in der Schule"-Empirie oder "Ist doch klar"-Evidenz.

Ist doch klar, dass Förderschüler am besten lernen, wenn sie unter sich bleiben: in besonderen Schulen, unterrichtet von besonderen Lehrern, ohne ständig frustriert zu werden vom Erfolg anderer Kinder. So meinen die einen. Ist doch klar, dass Förderschüler am besten in einer normalen Schule lernen, wo sie sich am Vorbild besserer Mitschüler orientieren, anstatt in einem pädagogischen Schonraum zu verkümmern. So lautet die andere Position, die bisher aber ebenso wenig wie die erste durch Forschung abgesichertes Wissen für sich beanspruchen konnte.

Das wird sich ändern. In den nächsten Wochen erscheinen gleich zwei große Studien, die konkrete Ergebnisse der verschiedenen Förderphilosophien in der Praxis verglichen haben. Die Untersuchungen, die der ZEIT vorliegen, sind repräsentativ und methodisch anspruchsvoll, und weder die Forscher noch die jeweiligen Auftraggeber – das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz (KMK) – stehen unter Ideologieverdacht. Deshalb wird ihr klares Ergebnis auch die weitere Debatte um die Inklusion prägen: Im gemeinsamen Unterricht lernen Kinder mehr, als wenn sie separat unterrichtet werden.

Dass solche Untersuchungen für Deutschland bislang fehlten, ist allein schon überraschend. Schließlich hat Deutschland das am besten ausgebaute Sonderschulsystem der Welt, die meisten Professoren für Sonderpädagogik – und 16 Kultusminister, die zum Thema immer wieder neue Gesetze erlassen. Man darf sich wundern, auf welcher Basis sie eigentlich jahrzehntelang agierten. Diese Frage müssen sich nun besonders die Befürworter der Sonderbeschulung stellen. Denn Förderschulen existieren ja, weil sie Kinder besser fördern sollen. In der Praxis jedoch scheint das Gegenteil der Fall zu sein, zumindest für einen großen Teil der betroffenen Schüler, jenen mit Lern- und Sprachproblemen.

"Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die in einer Regelschule unterrichtet wurden, weisen in allen untersuchten Bereichen höhere Leistungen auf als vergleichbare Schülerinnen und Schüler in Förderschulen", schreiben die Forscher des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in einem Aufsatz, der Ende des Monats in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie erscheinen wird. Dabei sei der Vorteil des integrierten Unterrichts "überraschend groß", sagt IQB-Direktorin Petra Stanat und gesteht: "Ich hätte damit nicht gerechnet."

Konkret verglichen die Autoren im Fach Deutsch und Mathematik die Lernstände von Förderschülern aus beiden Systemen. Sie verwendeten dazu die Daten aus dem jüngsten Ländervergleich für die Grundschule, der alle fünf Jahre im Auftrag der KMK erhoben wird. Einfach ist das nicht, denn erwartungsgemäß unterscheiden sich beide Gruppen in ihrer Herkunft deutlich. Förderschüler in Sonderschulen stammen aus sozial schwächeren Familien als solche, die integriert beschult werden. Zugleich verfügen sie über geringere "kognitive Grundfertigkeiten", vulgo einen niedrigeren Intelligenzquotienten.

Doch selbst wenn man diese Unterschiede herausrechnet, bleiben die Differenzen zugunsten des gemeinsamen Unterrichts groß. In Mathematik und Lesen entspricht der Vorsprung umgerechnet dem Wissen, das Grundschüler in einem halben Jahr erwerben, im Kompetenzbereich Zuhören sogar dem Fortschritt eines ganzen Jahres. Ein Detailergebnis erscheint dabei besonders kurios: Schüler aus Sprachheilschulen zeigen keinen Leistungsnachteil in Mathematik, wohl aber bei der Sprache (Lesen und Zuhören) – ausgerechnet also in jenem Bereich, für den diese Sonderschulen eingerichtet wurden.

Folgt man den IQB-Forschern, dann sind die Lernbehinderten in Sonderschulen gleich "doppelt benachteiligt". Sie stammen aus Familien, in denen sie wenig Förderung erfahren, und landen in Schulen, in denen das Gleiche passiert, selbst wenn ihre Lehrer mit viel Engagement das Gegenteil erreichen wollen. Genau dieses Muster der unbewussten Diskriminierung – Experten sprechen von einem "institutionellen Matthäuseffekt" (Wer hat, dem wird gegeben) – kennt die Bildungsforschung von Hauptschulen. Und genau deshalb gibt es diese Schulform in den meisten Bundesländern heute nicht mehr.

Die IQB-Autoren gründen ihre Ergebnisse jedoch nur auf eine punktuelle Stichprobe, sie schießen quasi ein Foto vom Leistungsstand der Schüler. Der Goldstandard empirischer Bildungsforschung aber sind Filme, also die Überprüfung derselben Leistungen über viele Jahre. Nur so kann man den Lernfortschritt der Kinder messen.

Genau das haben sich Bielefelder Wissenschaftler mit der BiLieF-Studie vorgenommen. Sie testen Schüler aus Inklusionsklassen und Förderschulen in regelmäßigen Abständen. Nun liegen die Ergebnisse der ersten Erhebungswelle vor, und sie zeigen in dieselbe Richtung wie die IQB-Studie, wenn auch nicht ganz so deutlich.

Zwar haben alle getesteten Kinder zwischen der dritten und vierten Klasse etwas hinzugelernt – Schüler im gemeinsamen Unterricht aber messbar mehr als solche, die exklusiv beschult werden. Die Sonderlerner sind zum Beispiel am Ende der Grundschulzeit nicht imstande, einfache Worte fehlerfrei zu schreiben. "Oftmals lässt sich nicht einmal eine lautgetreue Schreibweise erkennen", heißt es im BieLieF-Forschungsbericht. Stattdessen werden nur einzelne Buchstaben notiert, mitunter spiegelverkehrt: "ima" statt "Eimer", "Sankisbe" statt "Sandkiste".

Einer schnellen Schließung aller Sonderschulen reden die Bielefelder Forscher freilich nicht das Wort. Ihre Daten seien noch vorläufig, weitere Erhebungen müssten folgen. Zwar beziffert die BieLief-Studie klar den Anteil der Lernumgebung am Leistungsgefälle zwischen gemeinsamem und separatem Unterricht, quasi die Schuld der Schulform: Beim Lesen sind es im Schnitt 18 Prozent, bei der Rechtschreibung 25 Prozent. In einzelnen Fällen jedoch schnitten auch Sonderschulen sehr gut ab – und Inklusionsschulen miserabel.

Dabei zeige sich ein weiterer allgemeiner Erkenntnistrend der Bildungsforschung, sagt Studienleiterin Elke Wild: "Die Schulstruktur ist nicht unbedeutend, wichtiger aber sind die Lehrer und die Qualität der einzelnen Schule." Wie diese Qualität aussieht, haben Wild und ihre Kollegen bei Schulbesuchen in zwei Gruppen von Schulen gemessen: jenen, die in den Tests am besten, und jenen, die am schlechtesten abschnitten.

Das Muster des Erfolgs ähnelte in überraschender Weise dem Profil guter Schulen allgemein: Sie haben eine starke Schulleitung und zeichnen sich durch Teamgeist aus. Sie legen Wert auf eine straffe Unterrichtsführung (Classroom-Management) und stellen an diese hohe Anforderungen. Letzteres könnte eines der Hauptprobleme der Förderschulen sein. Weil in ihren Klassen leistungsstarke Schüler fehlen, schrauben die Lehrer ihre Erwartungen immer weiter nach unten.

Darüber hinaus identifizierten die Bielefelder Forscher jedoch einen spezifischen Erfolgsfaktor gemeinsamen Unterrichts: die Haltung des Lehrerkollegiums zur Inklusion selbst. Die Forscherin Birgit Lütje-Klose berichtet von Schulen, die auf ihrer Homepage zwar das gemeinsame Lernen preisen. Rede man jedoch mit den Lehrern, habe man das Gefühl, die ganze Idee der Inklusion sei eine einzige Zumutung. Mitunter hätten sie schon kurze Zeit nach Betreten der Schule voraussagen können, welcher Geist in der Schule herrschte, berichten die Bielefelder Forscher.

Inklusion verspricht per se keine besseren Lernergebnisse. Exklusion erst recht nicht. In der Vergangenheit schafften drei Viertel aller Förderschüler keinen Abschluss. "Ich weiß nicht, ob die Inklusion so schnell kommen muss", sagt Petra Stanat. "Dass sie kommen muss, ist nach diesen Studien jedoch klar."

 

Quelle: http://www.zeit.de/2014/20/sonderschulen-inklusion

Das Glück, dazuzugehören

Menschen mit Behinderung fordern mehr Teilhabe am Arbeitsleben. Ist die deutsche Gesellschaft schon so weit? von Jeannette Otto

 

Zahlen sind für Flavio Kwiatkowski ein Graus. Im Unterricht ist er in Mathe nie mitgekommen. Sein Gedächtnis spielt ihm manchmal Streiche. Einen Schulabschluss hat er nicht geschafft. Die Kinder in der Evangelischen Kita Neu-Allermöhe im Osten von Hamburg stört das nicht. "Flavio!", rufen sie. "Flaaaaviooo!" Sie wollen, dass Flavio beim Mittagessen neben ihnen sitzt, dass er ihnen danach beim Zähneputzen hilft und später vielleicht eine Geschichte erzählt.

Dass Flavio trotz seiner starken Lernbehinderung einen Arbeitsplatz wie diesen finden würde, war für ihn lange nicht vorstellbar. Er hat vieles ausprobiert, Praktika gemacht, und immer dann, wenn er dachte, er könne zum Beispiel Tierpfleger oder Zweiradmechaniker werden, sah er, welche Voraussetzungen Bewerber brauchten, und wusste: "Das schaff ich nicht." Diverse Gutachter rieten ihm, sich einen Platz in einer Behindertenwerkstatt zu suchen.

 

Heute nennt sich Flavio "Kita-Helfer". Der 23-Jährige spricht langsam und findet nicht immer die richtigen Wörter, aber seine Augen fangen an zu lachen, als er von seiner Arbeit spricht. Wenn er "Routine" sagt, klingt das ein bisschen wie "Glück". Das Glück, dazuzugehören, jeden Morgen von schnatternden Kindern begrüßt zu werden und von Kollegen, die dankbar sind, dass er da ist, jeden Tag, siebeneinhalb Stunden lang. Ist Flavio nun ein Beispiel für gelungene Inklusion?

Seit Jahren geistert der Begriff durch die Bildungsdebatten. Inklusion, das ist das große Ziel, die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung zu beenden, ihnen "ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen einen Zugang zu allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen" zu verschaffen. So steht es unter anderem in Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland im Jahr 2009 unterzeichnet hat. Seitdem wurde viel diskutiert und gestritten, wie weit die Inklusion gehen kann; einzelne Bundesländer haben begonnen, die Idee in oft überstürztem Eifer in den Regelschulen umzusetzen und Kinder mit besonderem Förderbedarf gemeinsam mit allen anderen Schülern zu unterrichten.

Bald werden die ersten inklusiv beschulten Jugendlichen mit Handicaps nun die Schulen verlassen. Wie geht es weiter, fragen sie schon jetzt. Verbessert die Inklusion unsere beruflichen Aussichten? Verständliche Fragen, denn wer einmal das Gefühl hatte, dazuzugehören, will sich nie wieder ausschließen lassen.

Arbeitsplätze wie der von Flavio aber sind längst keine Regel in Deutschland, eher die große Ausnahme. Schließlich hat man für den Umgang mit behinderten Menschen über Jahrzehnte hinweg ein ausgeklügeltes Paralleluniversum geschaffen. Es gibt Sondereinrichtungen für die Besonderen, die sich ganz auf deren Bedürfnisse ausrichten: Behindertenwerkstätten nehmen Menschen mit geistigen Handicaps auf und qualifizieren sie für die Produktion in den Werkstätten. Wer körperlich und psychisch beeinträchtigt ist, wird einem Berufsbildungswerk zugewiesen. 52 gibt es davon in Deutschland. Sie bieten größtenteils staatlich geförderte Ausbildungen an. Schätzungsweise die Hälfte davon fallen allerdings in die Kategorie der Sonderberufe – mit stark veränderten Lehrplänen, weniger Theorie, dafür flexibleren Ausbildungszeiten und eher symbolischen Prüfungen. Anschlussfähig sind diese Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt meist nicht. Auch deshalb steigen die Mitarbeiterzahlen in den Behindertenwerkstätten weiter an.

Wer es mit einer inklusiven Gesellschaft ernst meine, sagt Rainer Schulz, Geschäftsführer des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung (HIBB), der müsse bereit sein, sämtliche Strukturen, die bisher zur Ausgrenzung von behinderten Menschen geführt haben, radikal zu verändern. Seine Idealvorstellung: "Wir streben für jeden jungen Menschen eine Vollausbildung an, egal ob er ein Handicap mitbringt oder nicht." Während der Ausbildung müsse man sehen, wieweit der Einzelne den Anforderungen gerecht werden könne, und ihn so viel wie möglich unterstützen. "Gelder, die normalerweise in die Sondereinrichtungen gehen, müssen in die Berufsschulen und Betriebe fließen." Schulz fordert damit nicht weniger als einen Paradigmenwechsel, der alles Bestehende infrage stellt.

"Eine inklusive Berufsausbildung wird in letzter Konsequenz bedeuten, dass sich das gesamte institutionelle Gefüge verändern wird", sagt auch Martin Baethge, Präsident des Soziologischen Forschungsinstituts an der Universität Göttingen. "Auch die jetzigen Behinderteneinrichtungen müssen sich öffnen, wenn sie ihre Existenz sichern wollen." Baethge gehört zur Autorengruppe Bildungsberichterstattung, die an diesem Freitag die Ergebnisse des Nationalen Bildungsberichts 2014 vorstellt. Schwerpunkt: die inklusive Berufsausbildung. Baethge glaubt, dass sich nicht alle Politiker über diesen Bericht freuen werden. "Es gibt nach wie vor ganz unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie weit die Inklusion eigentlich gehen sollte. Da glaubt manch einer noch immer, es wäre mit der Einrichtung von Förderschulen getan."

Auch Dieter Euler, Professor am Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen, macht sich wenig Hoffnung, dass schon in naher Zukunft in Deutschland vieles zu verändern sei. Auch wenn an Absichtserklärungen und Lippenbekenntnissen kein Mangel herrscht. So haben sich acht Bundesländer sowie die Agentur für Arbeit auf Initiative der Bertelsmann Stiftung zusammengeschlossen, um Lösungen für eine gerechtere und leistungsfähigere Berufsausbildung zu suchen. Dieter Euler hatte die Aufgabe, ein Positionspapier dazu zu erarbeiten. Eine der zentralen Aussagen: Junge Menschen mit Behinderungen sollten keinen separierenden Maßnahmen oder Einrichtungen mehr zugewiesen werden. Ziel sollte immer eine Ausbildung in einem anerkannten Beruf sein. Dafür müsse es mehr Berufsvorbereitung in den Schulen geben, und die Berufsschulen müssten die nötigen Ressourcen bekommen, damit sie auch Jugendliche mit besonderem Förderbedarf ausbilden können. Zudem müssten sich deutlich mehr Betriebe für die Inklusion engagieren.

Die Bertelsmann Stiftung hat in dieser Woche die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von über 1.000 Betrieben vorgestellt. Sie sollten Auskunft geben, ob sie Jugendliche mit Behinderungen ausbilden oder nicht. Nur 24 Prozent gaben eine positive Antwort. Die Gründe für die Zurückhaltung: Zum einen bekomme man zu wenig Bewerbungen von Jugendlichen mit Handicaps, zum anderen seien die Anforderungen der Ausbildung oft zu hoch. 52 Prozent der Betriebe geben an, sie würden mehr behinderte Jugendliche ausbilden, wenn der Staat sie besser unterstützen würde. Die derzeitigen Förderungen werden als nicht ausreichend, intransparent und zu bürokratisch beurteilt.

Währenddessen verlassen Jahr für Jahr 50.000 Jugendliche mit erhöhtem Förderbedarf die Schulen. Bis zu 18.000 von ihnen landen in Berufsvorbereitungsmaßnahmen. 3.000 bis 4.000 erhalten zwar eine Ausbildung, schaffen es aber selten auf den ersten Arbeitsmarkt. Zwar verlieren die schulischen Förderdiagnosen mit Beginn der beruflichen Bildung ihre Gültigkeit. Es wird aber neu begutachtet, um zu entscheiden, welche Art von Unterstützung jemand erhält und ob er eher einen Platz in einer Werkstatt oder einem Berufsbildungswerk zugewiesen bekommt. Dieter Euler wäre es am liebsten, wenn man Jugendlichen keinen solchen Stempel mehr verpassen würde. "Diese Diagnosen haben immer mit bestimmten Zuschreibungen und Vorstellungen von Normalität zu tun", sagt er. Gerade bei lernbehinderten Jugendlichen wisse man inzwischen aber, dass eine Separation die Auffälligkeiten eher verstärke. Den Weg aus einer Behindertenwerkstatt zurück in den regulären Arbeitsmarkt fänden nur wenige. "Dabei ist die Heterogenität in den Werkstätten groß. Manche Mitarbeiter könnten an einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung möglicherweise doch noch eine Ausbildung schaffen", sagt Euler, "aber oft sind gerade sie dann die Leistungsträger in den Werkstätten, von denen man sich nur ungern trennt."

Die Elbe-Werkstätten in Hamburg haben schon nach neuen Wegen für ihre Mitarbeiter gesucht, als das Wort Inklusion in Deutschland noch niemand kannte. 3.000 Menschen mit Behinderung arbeiten dort. Rund 50 von ihnen haben wie Flavio Kwiatkowski die vierjährige Ausbildung zum Kita-Helfer gemacht und verbringen den Arbeitstag nun auf sogenannten "ausgelagerten Werkstattplätzen" in verschiedenen Kindergärten. Ausgebildet werden die Kita-Helfer in Kooperation mit einer Hamburger Fachschule, einen anerkannten Abschluss erwerben sie aber nicht. Deshalb dürfen sie auch keine pädagogischen Aufgaben, keine verantwortlichen Tätigkeiten übernehmen. Und trotzdem passiert viel mit ihnen, wenn sie merken, dass sie gebraucht werden. "Wir haben hier schon unglaubliche Entwicklungen erlebt", sagt die stellvertretende Kita-Leiterin Christiane Soltau und erinnert sich an die erste Kita-Helferin, die sie ausgebildet hat. Ein 19-jähriges Mädchen auf dem Entwicklungsstand einer 15-Jährigen, das so gut wie gar nicht lesen und schreiben konnte. Das habe sie zwar auch in der Kita nicht gelernt, sagt Soltau, dafür aber sei sie in anderen Dingen gewachsen. Heute ist das junge Mädchen von damals Mutter und steht auf eigenen Beinen. Vielleicht hätte sie sich das ohne die Arbeit in der Kita nie zugetraut.

Der Arbeitsmarkt brauche Nischen wie die in den Hamburger Kitas, sagt Rainer Schulz vom HIBB. "Denn wenn wir so weitermachen wie bisher, wird die Inklusion spätestens am Arbeitsmarkt scheitern." Die wachsenden Anforderungen in den Unternehmen sind mit den Bedürfnissen von behinderten Menschen weniger vereinbar denn je. Immer differenzierter und spezialisierter werden die Aufgaben, bei oft hoher psychischer Belastung. Platz für Hilfskräfte gibt es da kaum.

Flavio fällt es noch immer schwer, sich die Namen aller Kinder zu merken. Am Anfang hat er sich jeden Namen auf eine Liste geschrieben und versucht, sich das Gesicht dazu vorzustellen. Trotzdem passiert es ihm immer noch, dass er Kinder verwechselt. Die kichern dann nur und sagen: "So heiß ich doch gar nicht!" Die Unterschiedlichkeit werde für die Kinder zur Normalität, sagt Christiane Soltau. Die Kita-Helfer zeigten ihnen, dass jeder Mensch anders ist und jeder etwas anderes gut oder gar nicht kann. Für Rainer Schulz ist die Inklusion in der Berufsausbildung und auf dem Arbeitsmarkt deshalb vor allem "ein großer Schritt für alle Menschen ohne Behinderung". "Die müssen einiges aushalten und sich mit Leuten auseinandersetzen, die sie bisher nicht mal wahrgenommen haben."

Nicht selten fängt das Aushalten also mit der Erkenntnis an, dass es Behinderte überhaupt gibt und dass sie Wünsche an ihr Leben haben, wie jeder andere auch.

Quelle: http://www.zeit.de/2014/25/inklusion-behinderung-arbeitsleben

Schulbegleiter stehen Behinderten im Alltag bei – eine fachliche Qualifikation wird dafür nicht abverlangt. Auch arbeitsrechtlich sind die Helfer selten abgesichert.

Harald R. ist Schulbegleiter. Besser gesagt er war Schulbegleiter. In einem Thüringer Dorf betreute er einen behinderten Jugendlichen. Er brachte ihn zur Schule, half ihm dort durch den Lernalltag, stand ihm auf dem Schulweg oder bei Freizeitaktivitäten bei. Bis es zu Unstimmigkeiten mit den Eltern kam. Weil die den Integrationshelfer schließlich ablehnten, musste R. gehen. Mit der Bindung an den Jungen verlor er auch den Job. Schulbegleiter gibt es vermehrt, seit 2009 in Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Kraft trat. Danach sind die Vertragsstaaten gehalten, alle erforderlichen Maßnahmen zu gewährleisten, dass Kinder mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen Kindern alle Menschenrechte und Grundfreiheiten genießen können (Artikel 7). Außerdem erkennen die Unterzeichner das lebenslange Recht auf Bildung und integratives Lernen für Menschen mit Behinderungen an (Artikel 24). Übersetzt heißt das: Behinderte sollen – wenn möglich – an normalen Schulen mit anderen Kindern unterrichtet werden. Schulbegleiter helfen ihnen dabei über Handicaps und Nachteile hinweg. Eine fachliche Qualifikation müssen Sie dafür aber bislang nicht nachweisen. Und auch arbeitsrechtlich sind sie kaum abgesichert. Bevor er den Job über persönliche Kontakte bekam, war Harald R. arbeitslos. Nun ist er es wieder.

Behinderte haben ein Recht auf normalen Unterricht

Statt von Integration spricht man auch in Thüringen mittlerweile von Inklusion. Gemeint ist das für alle Kinder und Jugendliche geltende Recht auf Bildung und soziale Partizipation – unabhängig davon unter welchen Vorraussetzungen oder Bedingungen sie aufwachsen. Mitte vergangenen Jahres legte das Thüringer Kultusministerium den „Entwicklungsplan Inklusion zu Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Artikel 7 und 24) bis 2020" vor. Enthalten sind neben regionalen Entwicklungsstrategien viele Maßnahmen und Aufgaben, die die Landesregierung umsetzen will. Diese betreffen die Kontrolle von Kindereinrichtungen und Schulen auf Ihre Eignung für Behinderte ebenso wie konkrete Fördermaßnahmen bei körperlichen, geistigen oder sprachlichen Beeinträchtigungen. Handlungsbedarf sieht der Entwicklungsplan auch bei den Schulbegleitern. 270 derartige Helfer zählte das Kultusministerium bei der letzten landesweiten Erhebung vor vier Jahren, inzwischen dürften es mehr sein. Für deren Einsatz und Befähigung bedürfe es kurzfristiger fachlicher Empfehlungen. Welcher, sagt der Landesplan nicht. Beschäftigt werden die Integrationshelfer von Schulen oder freien Trägern. Das Geld kommt je nach Art der Behinderung und Ausmaß entweder vom Sozialamt oder Jugendamt. Auch Eltern können über das sogenannte persönliche Budget selbstständig Schulbegleiter für ihre Kinder organisieren. „Beim persönlichen Budget wird dem Antragssteller anstelle der üblicherweise bewilligten Sachleistung „Schulbegleitung" das Geld gewährt, das für die Beschäftigung eines Schulbegleiters notwendig ist. Dieses Geld kann zweckgebunden zur Unterstützung des Kindes eingesetzt werden", erläutert der Sprecher des Sozialverbandes Benedikt Dederichs.

Bislang keine Ausbildung für Schulbegleiter

In der Praxis bedeute dies, dass Eltern die Leistung eines Schulbegleiters selbstständig einkaufen und bezahlen – und gegebenenfalls wieder ablehnen können. Doch das ist nur eine der Unwegbarkeiten, mit der Schulbegleiter konfrontiert werden. „Aufgrund der vielen unterschiedlichen Zuständigkeiten von Jugendamt und Sozialhilfeträger einerseits sowie der Kultusverwaltung andererseits werden die Betroffenen oft zwischen den Behörden hin und her geschickt. Verlässliche Finanzierungen fehlen, oft besteht Streit, wer die Kosten übernehmen muss", sagt Dederichs. Umstritten sind auch die berufsrechtlichen Anforderungen an Schulbegleiter. „Es gibt keinen anerkannten Beruf mit der Bezeichnung Schulbegleiter oder Integrationshelfer und somit auch keine spezielle Berufsausbildung", so Dederichs weiter. Der Sprecher der Thüringer Arbeitswohlfahrt, Dirk Gersdorf, bestätigt: „Es gibt keine rechtliche Festschreibung des Begriffes Schulbegleiter." Das Problem ist so alt wie das Thema Inklusion selbst. Unter der Überschrift „Schulbegleitung in Thüringen – Inklusion braucht Professionalität" richtete die Grünen-Politikerin Astrid Rothe Beinlich 2010 im Landtag eine kleine Anfrage an das Kultusministerium. Während das Ministerium seinerzeit in der Antwort noch darauf verwies, „dass sowohl die Sozialhilfe als auch die Jugendhilfe einen „Schulbegleiter" mit umfassenden Tätigkeitsauftrag nicht kennen", fordert der Landesentwicklungsplan zur Inklusion nun immerhin Helfer, die „dem Fachkräfteangebot der Jugendhilfe entsprechen" müssen. Möglicherweise aber bedürfe es einer solchen Forderung gar nicht mehr – wenn denn das Land das Modellprojekt QuaSi weiter unterstützt hätte. Das Kürzel QuaSi stand für „Qualifizierung von Schulbegleitern und Schaffung von Netzwerken für die gelungene schulische Integration in Thüringen" und startete 2009 als Initiative vieler beteiligter Verbände und Einrichtungen. Angesiedelt beim Institut für Berufsbildung und Sozialmanagement (IBS) und wissenschaftlich begleitet von der Fachhochschule Erfurt, wurde ein Curriculum mit verbindlichen fachlichen Richtlinien zu pädagogischen und pflegerischen Fähigkeiten, Kommunikation und Selbstverständnis der Integrationshelfer erarbeitet und auch bereits in ersten Ausbildungsgängen angewandt.

Modellprojekt QuaSi wurde eingestellt

Zwischenberichte zogen seinerzeit ein vielversprechendes Fazit. Teilnehmer mehrerer Qualifizierungs-Lehrgänge bewerten ihre Lernerfolge als „sehr positiv", zudem habe das Projekt große regionale und überregionale Resonanz gefunden. Doch schon 2012, also nach nur drei Jahren, war wieder Schluss, unter anderem weil das Land seine Förderungen mit Komplementärmitteln zu Geldern aus dem Europäischen Sozialfonds strich. Geblieben ist die QuaSi-Internetseite, auf der man bis heute nachlesen kann, was möglich wäre, wenn. Betroffene Eltern können sich hier zwar noch den QuaSi-Elternratgeber herunterladen. Besagtes Curriculum liegt seit zwei Jahren vergessen beim IBS in der Schublade. „Leider konnten wir uns mit der Qualifizierung nach einheitlichen Qualitätsstandards nicht durchsetzen" sagt IBS-Chefin Steffi Lange dazu. Über mögliche Gründe möchte die Fachfrau nicht spekulieren. So kann dann auch in Thüringen weiter jeder Schulbegleiter werden, wer sich für geeignet hält oder einen Träger findet. Das Arbeitsspektrum reicht vom arbeitslosen Handwerker über Freiwillige im sozialen Jahr bis zu Pädagogen oder Pflegekräften. Bei der Awo in Thüringen sind aktuell 21 Schulbegleiter in den Regionen Erfurt, Sonneberg, Hildburghausen und im Südharz tätig. Zu deren Anstellungsverhältnis sagt Awo-Sprecher Dirk Gersdorf: „Bei uns unterschreiben die Schulbegleiter einen Arbeitsvertrag. Der Vertrag ist an die jeweilige Schulbegleitung – also an das Kind – gebunden. Endet eine Schulbegleitung, zum Beispiel auf Wunsch der Eltern oder des Schulbegleiters selbst, endet auch der Arbeitsvertrag." Übergangsregelungen oder Kündigungsfristen – Fehlanzeige. Das kostete letztlich auch Harald R. den Job.

Von Hanno Müller/Thüringer Allgemeine/05.07.2014

Empowerment Erfurt Foto: Peter Marx

Bunt ging es am Wochenende in der barrierefreien Begegnungsstätte am Luisenpark der Lebenshilfe e.V. in Erfurt bei der zweiten Empowerment-Schulung "Stärker werden und etwas verändern!" zu. Dabei wurde klar: "Empowerment ist nicht nur erlernbar, sondern macht auch Spaß". Zum Abschluss des ersten von vier Seminaren in Erfurt entwickelten die TeilnehmerInnen konkrete Projekte, die sie in den nächsten Monaten zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention voran treiben werden.

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Projektes der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) "Partizipation durch Empowerment" wurden schon in den vergangenen Monaten Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen aus verschiedenen Bundesländern geschult.

Ziel dabei war es neben der Stärkung der einzelnen TeilnehmerInnen die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention anzutreiben. "In Artikel 4 der UN-BRK ist klar geregelt, dass behinderte Menschen und ihre Organisationen bei der Entwicklung von Gesetzen und Initiativen, die behinderte Menschen betreffen, zu beteiligen sind. Damit dies auch wirkungsvoll geschehen kann, müssen behinderte und chronisch kranke Menschen auch geschult werden. Denn viel zu oft finden Veranstaltungen und Entscheidungen noch ohne die Beteiligung behinderter Menschen statt oder geschieht dies nur pro forma", erklärte Ottmar Miles-Paul, der die Schulungen zusammen mit der Empowerment- und Diversity- Trainerin Eileen Moritz leitet.

Bei einem ersten Zusammentreffen mit dem Thüringer Landesbehindertenbeauftragten Dr. Paul Brockhausen, der als Gast für die Empowerment-Schulung in Erfurt eingeladen war, wurde es für die TeilnehmerInnen gleich ernst. Ihre Aufgabe war es, den Besuch und das Gespräch mit dem Landesbehindertenbeauftragten entsprechend vorzubereiten, selbst zu moderieren und ihm Fragen zu stellen. "Ich habe mich sehr wohl gefühlt. Ich wurde am Eingang gut empfangen und in den Seminarraum begleitet. Ich erlebte eine spannende und engagierte Diskussion", so das Resümee des Landesbehindertenbeauftragten von Thüringen nach dem Besuch der Schulung.

Für Jürgen Schmidt war es ein Sprung ins kalte Wasser. Dem Vorsitzenden des Behindertenverbandes des Kreises Schmalkalden-Meiningen kam nämlich die Aufgabe zu, die Veranstaltung mit dem Landesbehindertenbeauftragten zu moderieren. Eine Stunde lang sorgte er dafür, dass die Diskussion geordnet ablief, die TeilnehmerInnen sich und ihre Anliegen in einer Vorstellungsrunde präsentieren und ihre Fragen stellen und natürlich, dass der Landesbehindertenbeauftragte über seine Arbeit und Ziele berichten konnte. Wie geplant verabschiedete er den Landesbehindertenbeauftragten pünktlich um 16 Uhr mit einem kleinen Gastgeschenk. "Wir wollen Sie zwar nicht bestechen, aber wir versuchen es trotzdem", wie man scherzhaft sagte als man Dr. Paul Brockhausen eine Flasche Sekt als Dank übergab.

In der Auswertung der Diskussion machte Dr. Brockhausen deutlich, wie wichtig es ist, dass auch behinderte Menschen, die beispielsweise eine Sprachbehinderung haben und Assistenz brauchen, selbst Verantwortung übernehmen können und wie Jürgen Schmidt beispielsweise eine Veranstaltung moderieren. Auf die Frage, wie die TeilnehmerInnen der Schulung den Landesbeauftragten unterstützen können, betonte Dr. Paul Brockhausen, dass ihm wichtig sei, dass er Rückmeldungen bekomme, was vor Ort laufe bzw. nicht laufe und dass man sich an sein Büro wenden könne, wenn es Probleme in Thüringen gibt. Das abschließende Gruppenfoto mit dem Landesbehindertenbeauftragten durfte natürlich nicht fehlen.

Die Empowerment-Schulung in Erfurt stellt die zweite einer Reihe von Empowerment-Schulungen für verschiedene Regionen in Deutschland dar. Während die erste Schulung für behinderte und chronisch kranke Menschen aus Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nun auch läuft, kann man sich derzeit noch bis 18.August noch für die dritte Schulung in Erfurt für behinderte und chronisch kranke Menschen aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen bewerben. Die Ausschreibungen für die weiteren Schulungen für die restlichen Bundesländer folgen in den nächsten Wochen und werden auf der Internetseite des Projektes veröffentlicht.